Dr. Rainer Beßling: Reinhard Osiander. Flussziege. Gelsenkirchen 8.7.2018

Dr. Rainer Beßling: Reinhard Osiander. Flussziege. Gelsenkirchen 8.7.2018

Flussziege nennt Reinhard Osiander seine Arbeit, die er anlässlich des Skulpturenprojekts Kunst am Baum hier in den Berger Anlagen gefertigt hat und die ich Ihnen nun hier vorstellen darf. Ich weiß nicht, ob Sie mit dem Titel spontan etwas anfangen konnten und können. Flussziege, dickes Fragezeichen. Bergziege, ja, aber Flussziege, zweites dickes Fragezeichen. Ziege am oder auf dem Baum, auch eher merkwürdig. Und sieht hier eigentlich jemand eine Ziege? Vielleicht hat Sie der Titel ja zum Googlen animiert. Und da sind Sie unter Umständen fündig geworden. Für diejenigen, die auf entsprechende Einträge gestoßen sind, dürfte sich eine erheiternde Aufklärung eingestellt haben. Nicht zoologische Information wartet da auf wissensdurstige Nutzer, sondern ein Witz. Den mögen manche von Ihnen also jetzt kennen und auf die Skulptur von Reinhard Osiander beziehen können, alle anderen möchte ich noch ein wenig um Geduld bitten oder auf die Folter spannen, ganz wie man will. Der Witz, der den Titel der Skulptur äußerlich aufschlüsselt, kommt später. Er ist im übrigen ziemlich gut, wie ich finde… Ich möchte mich jetzt erst einmal auf anderem Wege der Skulptur nähern und dabei auch mit in den Blick nehmen, was sich Ihnen in der begleitenden Ausstellung zeigt. Da gibt es manche Brücken zu der Flussziege, zudem wirft die Schau zumindest ein kleines Schlaglicht auf das Werk des in Bremen lebenden und arbeitenden Bildhauers.

Kunst am Baum, ein schöner Projektname, die Assoziation zur Kunst am Bau und damit zur Kunst im Öffentlichen Raum ist in der sprachlichen Wendung angelegt. Im besten Fall gelingt es der Kunst im öffentlichen Raum, einen Ort mit einem gewohnten Alltagsgesicht ästhetisch neu beleben, entweder durch eine überraschend formale Wendung, oder durch ein Zeichen, das bestimmte vorzugsweise prekäre Inhalte aufruft oder Problemzonen markiert. Gelingen kann derartige Kunst immer dann am besten, wenn sich die inhaltliche Ebene über die Form darbietet, wenn sich unserem Blick ein Bild präsentiert, in dem wir eine Erzählung über unsere Welt und über uns selbst lesen können. Der Name dieses Projekts „Kunst am Baum“ führt schon ziemlich präzise zu dem, was Reinhard Osiander uns mit seiner spezifischen Arbeit hier präsentiert. Nicht nur technisch stofflich, sondern auch künstlerisch. Der Künstler ist hier an einem wunderschönen Ort, in einer Naturoase inmitten des Stadtraums auf eine naturgegebene Konstellation gestoßen, auf einen Baum, der sich schon ein wenig oberhalb der Wurzel gabelt und so ein Stammpaar ausgebildet hat, ein Zwillingspärchen, das eine Situation beschreibt, zu der uns gleich Assoziationen einfallen: Da sind Reiter im Relief, das ist ein Cowboy, der sein Lasso stolz und kunstvoll schwingt. Der Schwung der Handlung, die die bestaunenswerte Geschicklichkeit des Viehhüters bezeugen soll, erscheint seltsam erstarrt im Holz, dieser Bruch, dieser Riss, diese Verfestigung der Bewegung hat ihren eigenen Reiz, lässt ein wenig grotesken Humor und auch Ironie in die Szene einziehen.

Doch zurück zu dem Cowboy der Flussziege. Er trifft nun hier auf sein klassisches Gegenüber, den Indianer, und wir können uns fragen, welche Qualität diese Begegnung hat. Ist sie feindlich oder freundlich, offen oder voller Ressentiments – auch wenn hier Kindheitshelden und eher historische Kampfhähne auftreten, lassen sich an ihnen die heikelsten und bedrängendsten Fragen unserer Gegenwart verhandeln. Wie gehen wir in dieser anhaltenden postkolonialen Situation mit unserem Gegenüber um in einer globalen Welt, in der wir von den anderen und dem Anderen nicht nur nehmen dürfen, sondern auch zurückgeben müssen. Immerhin treffen sich in der „Flussziege“ die beiden auf Augenhöhe, das mag nur eine Formalie sein, aber sie spricht mit. Dann begegnen sich die beiden einzeln, die Ausgangsvoraussetzungen des Zusammentreffens scheinen also gleich zu sein, außerdem stoßen sie unbewaffnet aufeinander, was schon mal auf eine friedliche Grundabsicht und auf einen versöhnlichen Ausgang der Begegnung hindeuten könnte.

Vielleicht können Sie von hier aus erkennen, meine Damen und Herren, dass die beiden sich mit ihren Händen verständigen. Der Indianer streckt seinem Gegenüber den Zeigefinger entgegen bei hochgerecktem Daumen, der Cowboy formt Zeigefinger und Mittelfinger zu einem V-Zeichen. Verständigung, Verstehen, das bildet die Voraussetzung für ein gelingendes Zusammentreffen, für einen Austausch und konstruktiven Dialog. Aber wo gelingt das schon. Sprechen Merkel, Seehofer und Nahles die gleiche Sprache und müssen wir unser Verständnis des Wortes Koalition nach den Erfahrungen der vergangenen Woche nicht radikal überdenken? Vielen von uns wird die These und vielleicht auch die Erfahrung nicht fremd sein, dass sich schon innerhalb einer Familie das weibliche und das männliche Geschlecht kaum verstehen, weil sie über verschiedenen Zugänge zur Welt verfügen und mit verschiedenen Codes in der Verständigung operieren. Um wie viel dramatischer sind die Verhältnisse da im Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen. Und diese Begegnungen sind ja nicht symmetrisch, sondern machtbesetzt, interessengeleitet und herrschaftsorientiert. Das Zeit-Magazin dieser Woche beschäftigt sich mit Begrüßungsformeln. Schon interessant, wie vielfältig und unterschiedlich solche Formeln sein können. Babylonische Verwirrung muss sich nicht nur bei Turmbauten einstellen.

Cowboy und Indianer im Kinderzimmer und auf dem Spielplatz. Wie sorgfältig haben wir den Federschmuck gerichtet und das Pistolenhalfter zurechtgerückt. War uns bewusst, wie rücksichtslos die Weißen die angestammten Indianer in Nordamerika von ihrem Terrain vertrieben haben, wie sie ganze Stämme und Völker bestialisch ausgerottet haben, flankiert von einer Religion, die ihnen die meuchelnde Missionierung der Ungläubigen aufzutragen schien. Wie rücksichtslos diese weißen Migranten ihren neuen Überlebensort freigeräumt haben. Osiander hat in seine Ausstellung eine Gruppe von Ministranten gestellt, für seine bayrische Herkunft gehört auch das zur Signatur der Jugendzeit, und diese Sozialisierung hat bestimmt auch ihre guten Seiten. Ich möchte Ihnen überlassen, meine Damen und Herren, über die Rolle der Kirche in der Vergangenheit und Gegenwart selbst zu räsonnieren. Der Künstler gibt uns den Impuls, einen Kommentar liefert er selbst nicht. Aber wir dürfen in der strategisch naiven Art, in der die Messdiener hier auftreten, eine Haltung identifizieren, die sich in dem Beharren auf Tradition gefällt, und dieses Traditionsbewusstsein kann leicht in eine reaktionäre Haltung umschlagen, auf deren Gefahrenpotential gerade aktuell das Oberhaupt der katholischen Kirche hingewiesen hat.

Zu den Ministranten tritt in der Ausstellung noch ein anderes Stück, mit dem nun vollends die vermeintliche Idylle des Kinderzimmers vergangener Zeiten konterkariert wird. Osiander hat ein Kriegsschiff in Holz geschnitten, für das er eine gleichfalls hölzerne Vorlage auf dem Flohmarkt gefunden hat. Schon diesem Flohmarktfund war abzulesen, mit wie viel Liebe hier das militärische Gerät in Form gebracht wurde. Für Deutschland als führender Hersteller von Rüstungsgütern, für Bremen als Werftenstandort gehört sich das ja auch so. Diese Kriegsschiff erscheint nur einer merkwürdigen Doppelgestalt, in einfacher Handwerklichkeit und als Repräsentant avancierten Hightechs, als Ikone der Ingenieurskunst und als Gabe eines liebenden Vaters an sein Kind oder als Materialisierung des sich auf die maritime Gefechtsstation fantasierenden Kindes. Osianders Arbeiten besitzen eine Direktheit, die in ihrer äußeren Erscheinungsform und ersten Wirkung an Naivität im Sinne von Ursprünglichkeit, Unmittelbarkeit, Unverfälschtheit, die an eine Art Natürlichkeit denken lassen, die durch das Holz und durch die Art seiner Bearbeitung verstärkt wird. Doch die vermeintlich Naivität ist eine vorgeführte, eine reflektierte, die mit Rissen und Ambivalenten arbeitet. Sie entlarvt eine vermeintliche Selbstverständlichkeit, die in der Konstellation Kriegsgerät im Kinderzimmer steckt. Besser noch, diese Selbstverständlichkeit entblößt sich selbst. Sie öffnet die Abgründe im Traditionellen. Sie wirft uns auch unseren eigenen Blick zurück, so harmlos und niedlich wir diese hölzernen Widergänger einer Kriegsflotte empfinden mögen, sie sind gerade deshalb gefährliche Relikte eines imperialen Bewusstseins, weil die imperiale Realität noch Bestand hat. Was wir gerne ins Museum stellen möchten, ist aktuelle Wirklichkeit. Gewalt tritt heute nur anders auf. Aim-Controller nennen die Gamer der Ego-Shooter-Spiele diese Flinte im IPod-Design, mit der sie nun Aliens und andere vermeintliche Aggressoren ins Visier nehmen dürfen. Ich will hier keine Debatte über Gewalt in der virtuellen Realität und deren Folgen für die erste Wirklichkeit anzetteln. Mir scheint aber, dass der Zugang zu diesem Problemkomplex über Osianders analoge Welt eine andere Wirkung besitzt. Er hilft uns noch mehr, hinter die Fassaden des Heilen blicken zu lassen. Die Skulpturen des Bremers nehmen uns mit in eine Holzwelt, die von gestern erzählt und damit doch genau auch ins Heute trifft. Der Bildhauer ist in einem künstlerischen Feld unterwegs, das aus dem aktuellen Diskurs herauszufallen scheint, mit dem sich aber auf eine sinnliche und hintergründige Weise brennende und aktuelle Themen verhandeln lassen. Seine Flussziege wurzelt im wahrsten Sinne des Wortes in unserer Alltagswelt und transzendierte diese in eine künstlerische Region, wobei das Aufeinandertreffen dieser beiden Bezirke ganz direkt sichtbar bleibt. Ein Bild mit allegorischem Charakter ist aus dem Stoff, der in sich schon Symbolwert trägt, herausgeschält. Naturbild und künstlerische Form spielen zusammen. Und nicht zuletzt, und damit möchte ich nun endlich zum versprochenen Witz kommen, tun sie dies auf eine humorvolle Weise, ohne sich in hochfahrender Ambitioniertheit zu gefallen, mit einem Werkstoff, der die nicht nur künstlerische Entwicklung des Menschen von Beginn an begleitet und der von den alten und bleibend aktuellen Problemen und Schwächen des Menschen spricht, angenehm unaufgeregt, aber unüberhörbar.

Trifft ein Indianer einen Cowboy in der Prärie. Macht der Indianer so (gestreckter Finger mit gerecktem Daumen auf den Cowboy zeigend), macht der Cowboy so (V-Zeichen), macht der Indianer so (formt mit den Händen ein Dach), macht der Cowboy so (mit der Hand eine schlängelnde Bewegung nach vorn). Kommt der Cowboy in einen Saloon und erzählt seinen Kumpels. Ich habe heute einen Indianer in der Prärie getroffen, dem hab ichʻs aber gezeigt. Er sagt zu mir: Ich erschieß dich. Ich zu ihm: Bevor du mich erschießt, gebʻ ich dir zwei Kugeln. Sagt er: Bitte tu mir nichts, ich geh in mein Wigwam. Sag ich: Schleich dich!. Kommt der Indianer nach Hause und sagt zu seiner Squaw: Ich hab heute einen Cowboy getroffen, der war vielleicht balla-balla. Ich sag zu ihm: Wer bist du? Sagt er: Eine Ziege. Frage ich: Eine Bergziege? Darauf er: Nee, eine Flussziege.